{"id":98,"date":"2018-02-02T06:53:19","date_gmt":"2018-02-02T05:53:19","guid":{"rendered":"https:\/\/poetenstube.de\/reisen\/?p=98"},"modified":"2020-02-24T11:39:06","modified_gmt":"2020-02-24T10:39:06","slug":"001-unwiderstehlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/poetenstube.de\/reisen\/2018\/02\/02\/001-unwiderstehlich\/","title":{"rendered":"001 Unwiderstehlich"},"content":{"rendered":"<p class=\"buch-standard\">Ein L\u00e4cheln, zart wie die ersten Sonnenstrahlen des herannahenden Fr\u00fchjahres, dachte er versonnen. Leider galt es nicht ihm. <!--more-->Aus dem Augenwinkel taxierte Herr Sorgenfrey den Herrn neben sich. Viel j\u00fcnger als er konnte der Typ nicht sein. Gut, etwas sportlicher schaute er aus. Aber diese Riesenbrille da oben in dem schon licht wertenden Haar sah doch d\u00e4mlich aus. Erkannte die Frau ihm gegen\u00fcber denn nicht, dass der Mensch neben ihm aller Wahrscheinlichkeit nach ein ziemlicher Lackaffe war? Tja, das L\u00e4cheln hatte seinem Nachbarn gegolten und nicht ihm. Das war nicht weg zu deuten.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Zu allem \u00dcberfluss malte er sich dann auch noch aus, wie er sich vorstellen w\u00fcrde: \u00bbGestatten, Sorgenfrey.\u00ab Er musste sich eingestehen, dass seine Frustration eher zunahm.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Herr Sorgenfrey war nicht gl\u00fccklich mit dem Namen. Wann immer er sich jemandem vorstellte, f\u00fcgte er zwar hinzu \u00bbSorgenfrey mit einem Ypsilon am Ende\u00ab. Das tat er schon automatisch. Aber es half nicht wirklich. Manchmal w\u00fcrde er lieber Moppelmann hei\u00dfen. J\u00f6rg Erich Moppelmann w\u00fcrde besser zu seinem Charakter passen, fand er. Denn er war ein sehr geduldiger und gutm\u00fctiger Mensch. Dass er au\u00dferdem hilfsbereit war, bekam er jeden Morgen von Frau Fuchs best\u00e4tigt, wenn er ihr die Haust\u00fcr aufhielt, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen. Manchmal war die Zeitung auch noch nicht im Kasten. In solchen F\u00e4llen gelang es ihm immer, Frau Fuchs zu beruhigen, bis der Zeitungsjunge eintraf. Aus diesem Grunde wusste er, ebenfalls von Frau Fuchs, dass er ein sehr geduldiger Mensch war. Dabei war es f\u00fcr ihn nicht unangenehm, der alten Frau zuzuh\u00f6ren. Er staunte immer wieder, wie viele Einzelheiten sie mit ihren beinahe achtzig Jahren noch wiedergeben konnte.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Dass zumindest seine Nachbarschaft ihn auch als gutm\u00fctig qualifizierte, wusste er aus keiner direkten Quelle. Aber Frau Hartwig auf der anderen Seite seines Hauses hatte ihn \u00fcberall als tollen Babysitter angepriesen. Frau Hartwigs Tochter wollte ihn unbedingt als Opa haben, wo er doch die kleine Eila bisher nur ein paar Mal geh\u00fctet hatte. Eila war acht Jahre alt und ein sehr aufgewecktes Kind. Er hatte ihr Geschichten aus seiner Kindheit erz\u00e4hlt und sogar mit ihren Barbiepuppen gespielt. Daraufhin hatte die Kleine ihrer Mutter erkl\u00e4rt: \u00bbDer wird mein Opa. Der ist so lieb.\u00ab<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Mit Damen zwischen acht und achtzig fand Herr Sorgenfrey den Umgang deutlich schwieriger, sofern es denn \u00fcberhaupt zu einer diesbez\u00fcglichen Gelegenheit kam.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Er war ein konservativer Mensch und hatte sich schon immer gesagt, dass er nicht jede Mode mitmachen musste. Aber in letzter Zeit hatte er sich \u00f6fter beim Gr\u00fcbeln ertappt, nachdem es ihm wieder nicht gelungen war, den Blick einer Sch\u00f6nheit zu erhaschen. Zugegeben, es war auch ein wenig das schlechte Gewissen, das ihn dann stets auf den Boden der Tatsachen zur\u00fcckholte. Schlie\u00dflich war er seit drei\u00dfig Jahren mit einer sch\u00f6nen und klugen Frau verheiratet. Gl\u00fccklich verheiratet, w\u00e4re seine Antwort gewesen, so ihn denn jemand gefragt h\u00e4tte. Aber das war noch nie vorgekommen.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Jedenfalls war er sehr gl\u00fccklich damals gewesen, als Susi ihm ein schmachtendes \u00bbAber klar doch, Liebling!\u00ab entgegen gehaucht hatte, noch bevor er seine Frage richtig herausgestammelt hatte. Denn ein Stammeln war es gewesen, als er um ihre Hand anhielt.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Aber das hatte Susi \u00fcberhaupt nicht gest\u00f6rt. Verst\u00e4ndnisvoll hatte er hingenommen, dass sie ihren M\u00e4dchennamen behalten hatte. Somerset klang ja auch besser als Sorgenfrey. Es klang sogar besser als Susi Moppelmann. Und \u00fcberhaupt, wenn man Susi Somerset hei\u00dft, nimmt man keinen anderen Namen an. Das war ihm gleich klar gewesen.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Eines Tages war er zu dem Schluss gekommen, dass die Zeit reif sei f\u00fcr Ver\u00e4nderungen. Er fand es pl\u00f6tzlich l\u00e4cherlich, immer noch diese alte Strickjacke zu tragen, die ihm seine Mutter vor zehn Jahren gestrickt hatte. Mit dem Aftershave war das schwieriger. Das nahm er zwar auch schon seit etwa zehn Jahren, aber Susi hatte es ihm zum Geburtstag geschenkt. Seitdem hatte er sich immer wieder genau dieses Aftershave gekauft, als h\u00e4tte er Angst, sonst seine Vergangenheit zu verlieren.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Doch da war die Stimme, die ihn immer wieder mahnte, sich endlich zu \u00e4ndern und ein moderner Mensch zu werden. So beschloss Herr Sorgenfrey, mutig zu sein und seine eigene Zukunft aktiv in die Hand zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Ausl\u00f6ser war der Artikel in einer bunten Zeitschrift beim Zahnarzt gewesen, der sich dar\u00fcber ausbreitete, dass M\u00e4nner nach etwa sieben Ehejahren nicht mehr gen\u00fcgend f\u00fcr ihr \u00e4u\u00dferes Erscheinungsbild investieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Deshalb kaufte sich Herr Sorgenfrey ein Aftershave mit dem verhei\u00dfungsvollen Namen \u203aIrresistible\u2039, was auf Deutsch so viel hei\u00dft wie \u203aUnwiderstehlich\u2039.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Auf den ersten Einsatz dieses W\u00e4sserchens setzte er gro\u00dfe Hoffnung. Doch seine Angetraute zeigte keinerlei Reaktion. Als er Susi gereizt auf sein neues Rasierwasser hinwies, ihr den sch\u00f6nen Mann auf der Flasche unter die Nase hielt und ihr schlie\u00dflich den Preis nannte, erwiderte sie mit f\u00fcrsorglicher, ja beinah tr\u00f6stender Stimme, sie verst\u00fcnde nicht, dass er so entt\u00e4uscht sei.<\/p>\n<p class=\"buch-standard\">Auf seine erstaunte Gegenfrage \u00bbWieso?\u00ab antwortete sie trocken: Es sei doch allgemein bekannt, was heutzutage von Werbung zu halten sei.<\/p>\n<p>&lt;<small><i>\u00a9 J\u00f6rg Zschocke<\/i><\/small>&gt;<\/p>\n<hr style=\"border-top: 2px solid #8c8b8b; font-size: 2em; margin: 0 30%;\" \/>\n<p>Diese Geschichte stammt aus dem Buch<br \/>\n<a href=\"https:\/\/poetenstube.de\/buecher\/kanada\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8220;Auswandern nein &#8211; Heiraten ja&#8221;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein L\u00e4cheln, zart wie die ersten Sonnenstrahlen des herannahenden Fr\u00fchjahres, dachte er versonnen. 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