{"id":76,"date":"2019-11-02T16:04:36","date_gmt":"2019-11-02T15:04:36","guid":{"rendered":"https:\/\/poetenstube.de\/reisen\/?p=76"},"modified":"2019-12-05T07:36:38","modified_gmt":"2019-12-05T06:36:38","slug":"004-der-amerikaner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/poetenstube.de\/reisen\/2019\/11\/02\/004-der-amerikaner\/","title":{"rendered":"004 Der Amerikaner"},"content":{"rendered":"<p>Das erste Mal fiel er mir auf, als wir aus Pamplona hinaus wanderten. Er bog zur Universit\u00e4t ab, so wie wir, um sich dort einen Stempel f\u00fcr das Pilgerbuch abzuholen.<!--more--><\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter zog er auf der anderen Stra\u00dfenseite wieder an uns vorbei, den Kopf leicht gesenkt. Er schien in sich versunken und w\u00fcrdigte uns keines Blickes. Ein Schrank von einem Mann. Ich sch\u00e4tzte ihn auf knapp zwei Meter.<\/p>\n<p>Beim dritten Mal hatte ich ihn \u00fcberhaupt nicht bemerkt, als er pl\u00f6tzlich hinter mir stand. Seine Frage: \u201eAre you okay?\u201c, beantwortete ich mit einem gepressten: \u201eNo!\u201c. Meine Schulter hatte sich gerade wieder in einem schmerzhaften Krampf zusammen gezogen. Seit Tagen k\u00e4mpfte ich mit diesem Problem. Mein Rucksack sa\u00df offensichtlich v\u00f6llig falsch auf dem R\u00fccken. Mit ein paar sehr bestimmten Handgriffen zerrte und zurrte der Mann an ihm und mir herum.<br \/>\n\u201cAllright?\u201c, fragte er mich leicht schmunzelnd. \u00dcberrascht antwortete ich mit einem kurzen Nicken. Dann gab er mir einen aufmunternden Klaps auf die Schulter und schon war er wieder zehn Meter vor mir. Dankbar rief ich rief ihm ein \u201eThank you!\u201c nach, dann war er um die n\u00e4chste Ecke verschwunden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter. Eine bunte Truppe in einem noch bunteren Lokal. Menschen aus f\u00fcnf Nationen. Das Essen war gut, der Wein noch besser.<br \/>\nEr sa\u00df mir gegen\u00fcber und es kam mir vor, als w\u00fcrden wir uns schon ewig kennen.<br \/>\n\u201eWarum l\u00e4ufst du den Camino?\u201c, ist eine h\u00e4ufig gestellte Frage unter den Pilgern. Irgend jemand hatte sie ihm heute Abend gestellt. Noch nie hatte ich bisher eine so emotionale und offenherzige Antwort auf diese Frage geh\u00f6rt.<br \/>\n\u201eWahrheit ist das Sprechen einer Seele zu einer vertrauten Seele\u201c, meinte einst jemand. Genauso empfand ich, als ich ihm zuh\u00f6rte. Nicht wegen der Ereignisse in unser beider Leben, diese waren zu unterschiedlich. Eher wegen der Gef\u00fchle, die ich bis ins Detail nachempfinden konnte.<\/p>\n<p>Er war zehn, als seine Eltern mit ihm und seinen beiden j\u00fcngeren Geschwistern von Kuba nach Puerto Rico flohen. Anfangs wurde er in der Schule st\u00e4ndig geh\u00e4nselt, weil er anders war, weil er Kubaner war. Doch weil er stark war, legte sich bald niemand mehr mit ihm an. Sein Englisch verbesserte sich schnell. Geachtet wurde er trotzdem nicht, er war und blieb \u201eder Kubaner\u201c.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter ging er in die USA, wo er ein Medizinstudium begann und es mit Auszeichnung beendete. Mit diesem Abschluss in der Tasche h\u00e4tte er ein angenehmes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Aber es zog ihn dahin, wo Not war, wo sonst keiner hinwollte. Im Vordergrund standen f\u00fcr ihn immer das Helfen, das Lernen und ja, das Abenteuer. In den letzten f\u00fcnfzehn Jahren leitete er ein Kinderhospital in New Orleans.<br \/>\nDann passierte das mit seinem Sohn, und nichts war mehr wie vorher.<br \/>\nEines Tages betraten zwei Herren in schneidigen Uniformen sein Sprechzimmer und sagten Dinge, die er nicht bereit war, zu verstehen und anzunehmen \u2013 Sein Sohn war tot. Mit einundzwanzig im Einsatz bei der Coast Guard t\u00f6dlich verungl\u00fcckt.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Mann hielt inne. Das betroffene Schweigen am Tisch wurde nur \u00fcbert\u00f6nt von der Musik aus den Siebzigern, die unaufdringlich aus dem Hintergrund zu uns her\u00fcberschallte.<br \/>\nSein Sohn wollte in diesem Jahr den Camino machen, fuhr er nach einer Weile mit seiner Erz\u00e4hlung fort. Mit ihm, dem Vater.<br \/>\nDie Stimme des Amerikaners stockte abermals. Dann blickte er uns an und sagte: \u201eUnd ich habe abgelehnt!\u201c<br \/>\nIn seinen Augen stand Trauer. Wieder hatte er M\u00fche, weiter zu sprechen. \u201eIch konnte mir nicht vorstellen, dass die Klinik ohne meine F\u00fchrung funktionieren w\u00fcrde.\u201c<br \/>\nSein Gesicht verzerrte sich, als durchlitte er einen k\u00f6rperlichen Schmerz. Niemand am Tisch sagte ein Wort.<\/p>\n<p>Scheinbar sachlich fuhr er fort: \u201eIch habe die Leitung der Klinik abgegeben und laufe jetzt den Camino.\u201c<br \/>\nUnd wie zur abschlie\u00dfenden Erkl\u00e4rung f\u00fcgte er leise an: \u201eIch habe seine Asche bei mir. Jeden Abend gehe ich hinaus in diese Landschaft, die er so gerne sehen wollte, verstreue ein wenig davon und rede mit ihm.<br \/>\nUnd weine. Und bete.\u201c<\/p>\n<p>&lt;<small><i>\u00a9 J\u00f6rg Zschocke<\/i><\/small>&gt;<\/p>\n<hr style=\"border-top: 2px solid #8c8b8b; font-size: 2em; margin: 0 30%;\" \/>\n<p>Diese Geschichte stammt aus dem Buch<br \/>\n<a href=\"https:\/\/poetenstube.de\/buecher\/camino\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">&#8220;Granny+Opa auf dem Jakobsweg&#8221;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das erste Mal fiel er mir auf, als wir aus Pamplona hinaus wanderten. 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